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SSRQ ZH NF I/2/1 15-1

Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, I. Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Erster Teil: Die Stadtrechte von Zürich und Winterthur. Zweite Reihe: Die Rechtsquellen der Stadt Winterthur. Band 1: Die Rechtsquellen der Stadt Winterthur I, von Bettina Fürderer

Zitation: SSRQ ZH NF I/2/1 15-1

Lizenz: CC BY-NC-SA

Beilegung eines innerstädtischen Konflikts in Winterthur durch Agnes von Ungarn

1342 August 9. Königsfelden

Agnes, einst Königin von Ungarn, legt im Auftrag ihres Bruders Herzog Albrecht von Österreich mit Unterstützung seines Landvogts Heinrich von Eisenburg und seiner Räte den Konflikt innerhalb der Bürgerschaft von Winterthur bei. Beide Seiten haben geschworen, ihren Spruch einzuhalten. Die Konfliktparteien sollen versöhnt sein, vorbehalten bleibt der an Klaus Walcher begangene Totschlag (1). Um künftige Auseinandersetzungen zu vermeiden, die der Herrschaft und der Stadt schaden könnten, soll Landvogt Heinrich von Eisenburg vorläufig einen Schultheissen einsetzen, bis Herzog Albrecht eine andere Entscheidung trifft (2). Agnes behält sich vor, ein Urteil wegen der Brandstiftung und des an Wellenberg verübten Hausfriedensbruchs zu sprechen. Diese Taten sollen in den Ausgleich einbezogen sein (3). Johannes Stehelis gleichnamiger Sohn darf ohne Erlaubnis der Herrschaft den städtischen Friedkreis nicht betreten. Ulrich von Sal, Hartmann von Hinwil und Heinrich Künzi, die den Totschlag begangen haben, dürfen den Friedkreis erst betreten, wenn sie sich mit den Hinterbliebenen versöhnt haben (4). Diejenigen, die aus der Stadt gezogen sind, dürfen zurückkommen und sollen dieselben Rechte geniessen wie die übrigen Bürger. Die seit ihrem Auszug gegen sie geführten Klagen vor Gericht wegen Einkünften sollen aufgehoben sein, wobei jedem vorbehalten bleibt, seine Ansprüche nach städtischem Recht gerichtlich zu verfolgen. Beide Seiten, die Auszüger und die in der Stadt Verbliebenen, verzichten auf Wiedergutmachung des entstandenen Schadens, vorbehalten bleibt die Besteuerung der Auszüger (5). Agnes behält sich vor, ein Urteil in der Angelegenheit des von Seen und des Johannes Zollner zu sprechen, da sie der Ansicht ist, dass dieser unverschuldet geschädigt worden sei. Beide sollen in diesen Ausgleich einbezogen sein (6). Innerhalb der Bürgerschaft sind mehrere geheime Vereinigungen geschlossen worden, die aufgehoben sein sollen, da sie der Herrschaft und der Stadt nachteilig sind. Jeder soll künftig bei seinem Eid derartige Vereinigungen abwenden oder dem Rat und dem Vogt melden, da sie Ursache der Auseinandersetzungen gewesen sind (7). Gegen Zuwiderhandelnde soll man vorgehen und den Vogt nach Kräften unterstützen (8). Um weitere Auseinandersetzungen zu vermeiden, sollen alle, die sich bisher der Eidleistung entzogen haben, bis zum 15. August schwören, sonst verlieren sie die Huld des Herzogs und werden dauerhaft der Stadt verwiesen (9). Die Ausstellerin und der Landvogt siegeln.

  • Signatur: STAW URK 83
  • Originaldatierung: 1342 August 9
  • Überlieferung: Original
  • Beschreibstoff: Pergament
  • Format B × H (cm): 46.0 × 22.0 (Plica: 3.0 cm)
  • 2 Siegel:
    1. Agnes von UngarnPerson: , Wachs in Schüssel, rund, angehängt an Pergamentstreifen, gut erhalten
    2. Heinrich von EisenburgPerson: , Wachs, rund, angehängt an Pergamentstreifen, gut erhalten
  • Sprache: Deutsch
  • Edition

Die Hintergründe des innerstädtischen Konflikts, der durch die HabsburgerinOrganisation: Agnes von UngarnPerson: als Repräsentatin der Stadtherrschaft beigelegt wurde, können im Detail nicht mehr eruiert werden. Aus vorliegender Urkunde geht hervor, dass sich im Zuge eines Parteienstreits konspirative Verbindungen in WinterthurOrt: gebildet hatten und es zu Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten gekommen war, in deren Verlauf eine der beiden Gruppen die Stadt verlassen hatte. Auch der zeitgenössische Chronist Johannes von WinterthurPerson: berichtet über Auseinandersetzungen im Jahr 1342, wobei die Gemeinde («communitas») mehrere Personen aus führenden Kreisen («de pocioribus plures») für einige Monate aus der Stadt vertrieben habe (Johannes von Winterthur, S. 190). Möglicherweise strebten tatsächlich zu Wohlstand gelangte Aufsteiger aus den Reihen der Handwerke nach politischem Einfluss, wie Ganz 1960, S. 30-33, annimmt, doch die Gegenüberstellung einer «aristokratisch-österreichischen Partei» respektive der «Freunde HabsburgsOrganisation: » und einer gegen RatOrganisation: und Stadtherrn gerichteten Opposition aus Handwerkern greift zu kurz. Zwar ordnete AgnesPerson: die Rehabilitierung der Auszüger an und setzte sich für den geschädigten Johannes ZollnerPerson: ein, der vermutlich vor und nach den Vorfällen des Jahres 1342 dem RatOrganisation: angehörte (vgl. STAW URK 71; STAW URK 93), doch andererseits verfügte sie die Ausweisung von Angehörigen der ratsfähigen Familien SteheliOrganisation: , von SalOrganisation: und HinwilOrganisation: aus Stadt und Friedkreis. Zur Ratsfähigkeit dieser Familien vgl. beispielsweise SSRQ-ZH-NF_I_2_1-11-1.

Geheime Absprachen opponierender Gruppen innerhalb der städtischen Gesellschaft traten auch in der Folgezeit zutage. Bereits im Oktober 1352 erklärte Herzog Albrecht von ÖsterreichPerson: im Rahmen eines Urteilspruchs zwischen dem Schultheissen, dem RatOrganisation: und den Bürgern von WinterthurOrt: Organisation: und Johannes KellerPerson: von ElggOrt: , dass «haimlich buntnust» in der Stadt ausser Kraft gesetzt und künftig verboten seien. Falls die Bürger Anlass zu Beschwerden über den Schultheissen und RatOrganisation: zu haben glaubten, sollten sie sich an den Herzog oder seinen Vertreter, den Vogt von KyburgOrt: , wenden (SSRQ-ZH-NF_I_2_1-20-1, Artikel 3 und 4). 1414 wurde der Gemeinde untersagt, einen «heimlichen rat» oder Zünfte einzuführen (SSRQ-ZH-NF_I_2_1-45-1, Artikel 2 und 4). Tatsächlich etablierte sich in WinterthurOrt: keine Zunftverfassung, vgl. Niederhäuser 2014, S. 139, 151-152.

Editionstext


Wir, AgnesPerson: , von gottez genaden wilent ku̍ngin ze UngernOrt: , verjechen und tuͤn ku̍nt allen den, die disen brief sehent oder hoͤrent lesen, nu̍ oder harnach: Umb die stoͤsse und missehellu̍nge, so zwischent unsern und unsers
lieben bruͦders hertzog AlbrechtenPerson: bu̍rgern ze Wintertu̍rOrt: , den inren und den usseren, gewesen sint und oͧch umb die heimsuͦchi, so .. WellenbergPerson: beschechen ist, und oͧch umb den brant han wir u̍ns du̍rch fride
und von heissunge unsers lieben bruͦders hertzog AlbrechtenPerson: an genomen, u̍s ze richtenne mit râtte siner râtgebon und Heinriches von Ysenbu̍rgPerson: , sines lantvogtes, dez si oͧch ze beiden teilen dise spruche gesworn
hant zuͤ den heiligen, stet ze habenne.
Dez ersten, so heissen wir bede teile bi dem eide, so si gesworn hant, daz si bedenthalb einer ander guͦte fru̍nde sin, ane den todslag, der an Clausen WalcherPerson: beschechen ist. Wir
sprechen oͧch du̍r bessern fride und fu̍r ku̍nftig ufloͤffe und schaden, so unserm bruͦder und der stât davon komen moͤchtin, daz u̍nser getruwer Heinrich von Ysenbu̍rgPerson: , der lantvogt, u̍ch einen schultheissen geben sol, untz sich
unser bruͦder anders darumbe bedenket, welchen er u̍ch gebe.1
Wir behalten oͧch u̍ns selber u̍s zesprechenne umb den brant und die heimesuͦchi, untz wir u̍ns baz darumb bedenken, und mit namen also daz es
in der geswornon suͦn si.
Wir sprechen oͧch, daz Johans StechelliPerson: , Johans StechellisPerson: su̍n, in den frid kreis2 der stat ze Wintertu̍rOrt: nu̍t komen sol, ez heisse denne du̍ herschaft oder der, dem su̍ ez enphilchet. Wir sprechen
oͧch, daz Uͦlrich SalerPerson: , Hartman von Hu̍nnewilePerson: und Heinrich KuͤntziPerson: , die den todslag getan hant, oͧch nit in den frid kreis komen su̍llent, si verrichten sich ê mit den fru̍nden nach der stat recht und gewanheit.
Wir
sprechen oͧch, waz der andron ist, die u̍s der stat gewesen sint, die su̍llent in die stat varen, swenne si wellent, und ir er und guͦt und der stat recht besitzen unde niessen alz ander bu̍rger, die da seshaft sint. Wir
sprechen oͧch umb du̍ gerichte, so u̍ber die u̍ssern von gulte wegen geloͧffen sint, sit dem male und si u̍s fu̍ren, daz du̍ aͤlle abe sien und dehein kraft haben, wan si nu̍ wol zuͦ ein andern komen mu̍gent. Davon so sol jeder
man von dem andern rechte nemen umbe daz, so er zuͦ im zesprechen hat nach der stat recht. Wir sprechen oͧch, daz die u̍ssern sid dem male und si u̍sser der stat fuͦren, deheinen schaden tragen sullent mit dien inren, der
gewachsen ist von dez ufloͧfes wegen wan der gewanlichon stu̍re. Noch die inren sullent dekeinen kosten tragen mit dien u̍sseren, so si enphangen hant von dez u̍floͧfes wegen.
Wir nemen u̍ns oͧch u̍s ze bedenkenne umb
.. den von SeheinPerson: und Johansen ZolnerPerson: , wan u̍ns du̍nket, daz der ZolnerPerson: in etzlich masse schaden enphangen habe ane schulde, unde wellen doch, daz si in der geswornen suͦn si.
Wir sprechen oͧch, wan wir vernomen haben, das
etzliche verbu̍ntnu̍sche under u̍ch heimlich beschechen si, daz du̍ abe sie bi dem eide, so ir u̍ns und der herschaft gesworn habent, wan si der herschaft und der stat schedeliche sint. Wer oͧch, daz jeman innan wu̍rdi, daz jeman
solich verbu̍ntnu̍sch tuͦn woͤlte oder tribi, der sol ez wenden bi dem eide, so er gesworn hat, alz verre er vermag. Mag er ez aber nicht gewenden, so sol er ez dem râteOrganisation: und dem vogt3 ku̍nt machen, daz ez die wenden, wand
dise ufloͤffe von soͤlichen sachen beschechen sint.
Wir sprechen oͧch, oͤb jeman wider dirre gesworngesworne suͦn ichtz tetti mit worten, mit werchen oder in deheiner wise, dez man in bereden moͤchti, dez lib und guͦt sol der herschaft gevallen
sin, an alle widerrede, und sol si dar an dekein ir rechtu̍ng beschirmen. Und sprechen oͧch bi dem selben u̍sspru̍che, welcher dez beret wirt, so su̍llent die andern wider inn sin und sullent dem vogt, der denne vogt ist, behulfen und zuͦlegent sin mit allen sachen, alz verre si vermu̍gent, wider den, der denne u̍berseit wirt, bi dem eide, so si gesworn hant.
Wir han oͧch vernomen, daz etlich, die zuͦ der stat gehoͤrent, noch nicht gesworn haben
und sich davon ziechen, davon fu̍rbaz me ufloͤff geschechen moͤchtin, die oͧch vormals beschechen sint. Und davon so sprechen wir, welcher noch nu̍t gesworn hant, daz die sweren, alz die andern gesworn hant, untz uf unser
froͧwon tag
Datum: 15. August (Kirchenfest als Termin/Frist)
, so nu̍ schierost ku̍met. Und welcher dez nu̍t entuͦt, der sol unsers bruͦders hulde nicht enhaben und sol von der stat varen und niemer mere dar in komen.
Und dez zuͦ einem urku̍nde und merer sicherheit, so henchen wir u̍nser ingesigel an disen brief und wellen oͧch, daz der vorgenvorgenant lantvogt oͧch sin ingesigel an disen brief henke zuͦ unserm ingesigel, der gegeben ist ze Ku̍ngesveltAusstellungsort: , an sant
LaurentienPerson: abent, in dem jare, do man zalte von Cristes gebu̍rte dru̍zechenhu̍ndert und zwei und vierzig jar
Originaldatierung: 9.8.1342
.
[fol. v]Seitenumbruch
[Vermerk auf der Rückseite von Hand des 18. Jh.:]
AgnesPerson: , königin in UngarnOrt: ,
gütliche richtung und spruch
wegen mißhelligkeit der inneren
und außeren burgeren zu WinterthurOrt: . Item wegen der heimbsuche, so dem WellenbergPerson: beschehen
und wegen dem brand,
anno 1342 aDatum: 9.8.1342.

Anmerkungen

  1. Hinzufügung auf Zeilenhöhe von Hand des 19. Jh.: 9 AugAugust.
  1. Zur Wahl des WinterthurerOrt: Schultheissen vgl. SSRQ-ZH-NF_I_2_1-34-1.
  2. Der Friedkreis reichte über die Stadtmauern hinaus. In ihm kam städtisches Recht zur Anwendung und auch die städtische Gerichtsbarkeit dehnte sich auf diesen Bereich aus, vgl. Weymuth 1967, S. 73-76, 84-87, 234-240.
  3. Hiermit ist der Vertreter der Herrschaft vor Ort, der Vogt von KyburgOrt: , gemeint, vgl. Niederhäuser 2014, S. 107.