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SSRQ ZH NF I/2/1 20-1

Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, I. Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Erster Teil: Die Stadtrechte von Zürich und Winterthur. Zweite Reihe: Die Rechtsquellen der Stadt Winterthur. Band 1: Die Rechtsquellen der Stadt Winterthur I, von Bettina Fürderer

Zitation: SSRQ ZH NF I/2/1 20-1

Lizenz: CC BY-NC-SA

Beilegung eines innerstädtischen Konflikts in Winterthur durch Herzog Albrecht von Österreich

1352 Oktober 29. Winterthur

Herzog Albrecht von Österreich legt nach Anhörung des Schultheissen, des alten und neuen Rats und der Bürger der Stadt Winterthur den Konflikt bei, der entstanden ist aufgrund der Inhaftierung von Johannes Gütighausen, Eberhard Graf, Johannes Keller von Elgg, Albrecht Zweiherr, Ulrich Karrer, Johannes Balster, Johannes Schmalbrat, Rudolf Wingarter, Kueni Impendaler, Schwarz, Suter von Au und dem Pfeifer Nadel wegen der Äusserungen des Johannes Rise über die Gefangenen und andere Personen sowie aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen dem Schultheissen, den Räten und Bürgern einerseits und Johannes Keller andererseits. Schultheiss, Räte und Bürger haben geschworen, folgende Bestimmungen einzuhalten: Alle sollen versöhnt sein, die gefangenen Bürger und deren Angehörige sollen dem Schultheissen, den Räten und deren Helfern nichts nachtragen. Wer diese Bestimmungen nicht einhält und mit zwei Zeugen vor dem Rat überführt wird, verfällt dem Stadtherrn mit seinem Besitz und soll durch ihn oder seinen Amtmann, den Vogt von Kyburg, dem die Stadt den Eid geleistet hat, bestraft werden (1). Wenn Bürger in der Stadt Unruhe stiften oder sich verschwören, sollen sie ebenso bestraft werden. Alle haben sich verpflichtet, Vorfälle zu melden, die dem Stadtherrn, der Stadt oder den Räten schaden könnten. Wer dies versäumt und durch zwei Zeugen vor dem Rat überführt wird, soll dieselbe Strafe erhalten. Die Bürger sollen den Vogt sowie den Schultheissen und Rat unterstützen, wenn diese gegen Zuwiderhandelnde vorgehen (2). Die beiden Räte und der Schultheiss sollen für die Bürger sorgen, diese wiederum haben auf Anordnung des Stadtherrn geschworen, dem Schultheissen und Rat gehorsam zu sein. Die Bürger können sich bei ihm oder seinem Stellvertreter, dem Vogt von Kyburg, über den Schultheissen und Rat beschweren (3). Die Bürger sollen alle heimlichen Bündnisse auflösen und sich künftig nicht mehr verschwören, sonst ziehen sie sich die Ungnade des Stadtherrn zu. Der Vogt von Kyburg und seine Nachfolger sollen diejenigen aus Winterthur ausweisen, die dem Stadtherrn unerwünscht sind (4). Wer jemandem gegen Bestechung vor dem Gericht oder Rat hilft und mit zwei Personen vor dem Rat überführt wird, muss dem Stadtherrn 10 Mark Silber und der Stadt 5 Mark Silber Busse zahlen (5). Wer ein Vermögen von mindestens 10 Mark besitzt, soll Steuern gemäss seiner Selbsteinschätzung abführen, die übrigen soll der Rat taxieren (6). Wenn der Vogt von Kyburg und der Schultheiss und Rat die Erneuerung der Eide fordern, sollen die Bürger gehorchen oder sie ziehen sich die Ungnade des Stadtherrn zu (7). Landvogt Hermann von Landenberg von Greifensee hat geschworen, diese Bestimmungen einzuhalten, wie es künftig auch alle seine Nachfolger tun sollen. Der Aussteller siegelt.

  • Signatur: STAW URK 120
  • Originaldatierung: 1352 Oktober 29
  • Überlieferung: Original
  • Beschreibstoff: Pergament
  • Format B × H (cm): 64.0 × 24.0 (Plica: 3.0 cm)
  • 1 Siegel:
    1. Herzog Albrecht von ÖsterreichPerson: , Wachs, rund, angehängt an Pergamentstreifen, beschädigt
  • Sprache: Deutsch

Bereits 1342 war ein Parteienstreit in WinterthurOrt: durch AgnesPerson: , Schwester Herzog Albrechts von ÖsterreichPerson: , des Stadtherrn, geschlichtet worden (SSRQ-ZH-NF_I_2_1-15-1). Zehn Jahre später intervenierte er selbst und stärkte einerseits das Regiment des amtierenden Schultheissen und RatsOrganisation: , indem er ihre Steuerhoheit bestätigte, konspirative Machenschaften untersagte und die Bürgerschaft zu Gehorsam verpflichtete. Andererseits reagierte er auf offensichtliche Missstände, indem er Korruption unter Strafe stellte und seine Aufsichtsfunktion gegenüber der städtischen Führung zum Ausdruck brachte.

Editionstext


Wir, Albrecht, von gotts gnaden hertzog ze OͤsterrichOrt: , ze StyrOrt: und ze KerndenOrt: Person: , tuͦn kunt allen, die disen brief sehent oder hoͤrent lesen, daz fu̍r u̍ns komen sint ze WinterturOrt: in u̍nserr statt der schulthais, die .. raͤte, nu̍we und alt,Organisation: und alle burgere gemainlichOrganisation: ze derselben
statt und haben su̍ gemainlich verhoͤret von der gefangnust wegen, du̍ beschehen ist an den erbern mannen Johans GuͤtighusenPerson: 1, Eberhart GravenPerson: , Johans KellerPerson: von AilgoͧweOrt: 2, Albrecht ZwijerPerson: , Uͦlrich KarrerPerson: , Johans BalsterPerson: 3, Johans ScmalbrateUnsichere LesungaPerson: , Ruͦd WingarterPerson: , Cuͤni ImpendalerPerson: ,
der SwartzePerson: , der SuterPerson: von OͧwOrt: und an dem NadelPerson: , dem phiffer, von der sage wegen, die Johans der RisePerson: uffen su̍ oder uffen ander, die nicht gefangen wurden, gesait hat, und umb alle die stoͧsse und misshelli, so der schulthais, die vorgenanten raͤteOrganisation: und die selben burgere gemainlichOrganisation: und der egenante
Johans der KellerPerson: mit ainander gehebt hant untz uf disen hu̍ttigen tag. Und haben die sache berichtet, won wir wars vernomen haben, daz der schulthais und die egenanten raͤteOrganisation: mit den sachen recht und redlich gevarn hant, also, daz die selben, u̍nser schulthais, die raͤteOrganisation: und die
burgere gemainlichOrganisation: , uns gesworn hant ze den hailigen mit ufgehabnen handen und mit gelerten worten, staͤtte ze haltenne und volfuͤrenne allu̍ du̍ stuk, du̍ hienach geschriben stant.
Des ersten, daz su̍ alle gemainlich ainrandere guͦt fru̍nde sin su̍lnt und daz die selben u̍nser burgere,
die gefangen waren, und oͧch die andern noch ir fru̍nde enhainen vor erhabnen hass gen dem schulthaissen noch gen dien egeschribenen raͤtenOrganisation: noch gegen niemanne, die darzuͦ geholfen oder geraten hant, niemer geanden noch geaͤferren su̍lnt, weder mit rede, mit gebaͤrden,
mit worten noch mit werken, haimlich noch offenlich, mit raͤten noch mit getaͤten. Were aber daz, da vor got sye, daz ir kaine der stuken kains u̍berfuͤre, als vorgeschriben ist, wo daz kuntlich gemachet wirt mit zwainMenge: 2 erbern mannen vor dem rate ze WintertureOrt: Organisation: , der danne rat ist, des lib und
guͦt, der denne also erzu̍gt wirt, sol u̍ns und u̍nsern nachkomen, ob wir nicht weren, ane alle gnade gevallen sin.4 Und soͤllent wir oder u̍nser ampteman, der denne vogt ze KyburgOrt: ist an u̍nserre stat und dem du̍ statt gesworn hat,5 den selben odeKorrektur überschrieben, ersetzt: ibr die, die denne u̍bervarn hant, bessern an libe und an guͦte.6
Were
oͧch, daz thain u̍nser burger thainen ufloͧf oder buntnust oder haimlich ayde ze derselben u̍nserre statt wurbe oder schuͤffe, der sol in den selben vorgeschribenen schulden stan. Si habent oͧch gesworn alle gemainlich, wo thainer under inen vernimet thainerhand sache, da von u̍ns, u̍nserre vorgenanten stat
oder dien egeschribenen raͤtenOrganisation: schade oder gebreste komen moͤchte von worten oder werken oder du̍ vorgeschriben sache angeruͤren moͤchte, daz er daz dem schulthaissen und dem rateOrganisation: ze wissenne tuͦn sol, so er jemer schierest mag, ane geverde. Were aber, daz kainer der vorgenanten c–stuken
stuken
Korrigiert: stuken
–c kaines innensUnsichere Lesungd wurde oder horti ald vernaͤmme und er daz nicht saiti, so er schierest moͤchti, ane geverde, won daz es von andren lu̍ten fu̍rkaͤmme und die saitin, daz er oͧch da bi gewesen were, der sol oͧch in den selben schulden stan, ob er des u̍berwunden wirt mit zwainMenge: 2 erbern
mannen vor dem rate ze WinterturOrt: Organisation: , der denne rat ist, als vorgeschriben stat. Dieselben u̍nser burgere hant oͧch gesworn, wo u̍nser vogt, der an u̍nserre statt ist, und der schulthais und der ratOrganisation: dero thainen angriffen wellent mit gefangnu̍st oder mit andern sachen, des sich der schulthais und der
rat
Organisation:
erkennent, der vor inen vervallen sije, als vorgeschriben ist, daz su̍ darzuͦ alle gemainlich fu̍rderlich behulfen und geraten sin su̍lnt bi dem aide, so si gesworn hant, ane alle geverde. Weler des nicht taͤte oder sich da wider satzti, der sol in dien vorgeschribenen ungnaden sin.
Es
soͤllent oͧch die raͤte und der schulthaisOrganisation: , weli denne raͤte sint, nu̍we und alt, die burgere gemainlich versorgen und inen getru̍welich tuͦn mit allen sachen, ane geverde. Und hant oͧch die burgere von u̍nsers gebottes wegen gesworn, dem schulthaissen und den raͤtenOrganisation: gehorsam ze sinne, ane
alle geverde. Were aber, daz die burgere dunkti, daz si gebresten hettin an dem schulthais und an dien vorgeschriben raͤtenOrganisation: , daz su̍ nicht taͤten, daz si billich tuͦn soltin, da su̍lnt su̍ selber nicht zuͦtuͦn, won daz su̍ es an u̍ns oder an u̍nsern vogt, der denne ze KyburgOrt: vogt ist und dem du̍
stat gesworn hat, bringen su̍lnt. Und was denne wir oder der selbe u̍nser vogt, der an u̍nser stat ist, dar us tuͦn, des soͤllent su̍ gehorsam sin und sol su̍ des benuͤgen.
Si habent oͧch gesworn, were daz thain haimlich buntnust under inen gewesen were, wenig oder vil, untz uf disen
hu̍ttigen tag, daz du̍ gantzlich ab sin sol und soͤllent niemer haimlich buntnust mer ze sament bringen noch getuͦn. Von wem oder von welen sich das fu̍rbas befunde, oͧch in dem rateOrganisation: , als vorgeschriben ist, der oder die son oͧch in den vorgeschribenen ungnaden gen u̍ns und
u̍nsern nachkomen sin. Wir haben oͧch dem vorgenanten u̍nserm lantvogte vollen gwalt geben und allen u̍nsern voͤgten, die nach im kont und ze KyburgOrt: voͤgte sint, weri, daz jeman in der vorgenvorgenanten u̍nserre stat were, der u̍ns unfuͦglich were, nu oder hienach, daz er oder die nach im kont, die
von der statt schikken mugent.
Wir wellent oͧch, daz nieman ratmiete nemen sol, dem andern des rechten ze helfenne vor gerichte oder in dien raͤtenOrganisation: . Were es aber dar u̍ber taͤte und er des bewiset wurde mit zwainMenge: 2 erbern mannen vor dem obgenobgenanten rateOrganisation: , der sol
u̍ns zehen mark silbersWährung: 10 Mark Silber gevallen sin und der stat ze WinterturOrt: fu̍nf mark silbersWährung: 5 Mark Silber, ane gnade.
Wir wellen und haissen oͧch, wer ze der egenanten u̍nserre stat zehen markwertWährung: 10 Mark hab und dar ob, daz der bi der mark stu̍ren sol. Wer aber under zehen markenWährung: 10 Mark hat, den
sol der ratOrganisation: stu̍ren nach dem dunke, als si sich erkennent bi ir aiden.7
Wir haissen oͧch als dikke, so den vogt, der an u̍nserre statt ist, und den schulthaissen und den egenanten ratOrganisation: notdu̍rftig dunket, dis vorgeschriben aide ze ernu̍werenne, des soͤllent die
vorgenvorgenanten u̍nser burgere gehorsam sin ze tuͦnne. Weli des nicht taͤttin, die soͤllent in dien vorgeschriben ungnaden sin.
Und dar umb, daz allu̍ du̍ vorgeschriben sache dester stercher und vestlicher blibe, so haben wir gebotten und gehaissen u̍nsern lieben getru̍wen
Herman von Landenberg von GriffensePerson: , u̍nsern lantvogt, daz er gesworn hat ze den hailigen, alle die vorgeschriben sachen zehaltenne und ze wandlenne an u̍nserre statt in aller der wise, als vorgeschriben ist, alle die wile und er u̍nser lantvogt ist, bi dem
ayde, so er gesworn hat. Wir wellen und gebieten oͧch, wenne wir oder u̍nser nachkomen ainen andern vogt setzen, wer der ist alder als dikke, so daz beschicht, daz der oͧch swerren sol, die vorgeschriben sache ze volfuͤrenne, wenne es ze schulden kunt, in
aller der wise, als vorgeschriben ist, bi dem aide, so er gesworn hat.
Und des alles ze ainem waren, offennen urku̍nde haben wir u̍nser ingesigel gehenket an disen brief ze ainer zu̍gnu̍st und staͤtikait aller der vorgeschriben dinge. Der brief
wart geben ze WinterturAusstellungsort: , an dem nehsten mentag nach sant SymonPerson: und sant JudasPerson: Organisation: tag, der zwelfbotten, do man zalte von gotts gebu̍rte dru̍zehenhundert jar, dar nach in dem zwai und fu̍nfzigesten jareOriginaldatierung: 29.10.1352.
[fol. v]Seitenumbruch
[Vermerk auf der Rückseite von Hand des 15. Jh.:]
Dis sint mengerley brieff umb vil
unnu̍tz sachen, die wir nit in
unserm rodel gezeichnott haben.
[Vermerk auf der Rückseite von Hand des 18. Jh.:]
Anno 1352Datum: 1352, e
ist copirt.8
Richtungsbrieff betreffend den
schultheis und rathOrganisation: einseits und die burgerschafft zu WinterthurOrt: Organisation:
anderseits.

Anmerkungen

  1. Unsichere Lesung.
  2. Korrektur überschrieben, ersetzt: i.
  3. Korrigiert: stuken.
  4. Unsichere Lesung.
  5. Hinzufügung auf Zeilenhöhe von Hand des 19. Jh.: 29. Oktober.
  1. Eine gleichnamige Person wird 1335 in einer WinterthurerOrt: Schultheissengerichtsurkunde unter den Zeugen aufgeführt (UBZH, Bd. 11, Nr. 4673).
  2. Johannes KellerPerson: von ElggOrt: begegnet in den 1340er Jahren als Amtmann im äusseren Amt WinterthurOrt: (StAZH F II a 466, fol. 169; StAZH C II 16, Nr. 69).
  3. Johannes BalsterPerson: ist in den 1340er und 1350er Jahren als Bürger von WinterthurOrt: belegt (StAZH C V 7.1, Nr. 3; StAZH C II 16, Nr. 70; STAW URK 105; StAZH C II 13, Nr. 261; StAZH C II 13, Nr. 281).
  4. Die Überführung eines nicht geständigen Beschuldigten durch zwei zuverlässige Zeugen sah bereits eine stadtherrliche Anweisung von 1302 vor (SSRQ-ZH-NF_I_2_1-9-1).
  5. Der Vogt von KyburgOrt: war der Vertreter der Herrschaft vor Ort, vgl. Niederhäuser 2014, S. 107.
  6. Zur Gerichtsbarkeit des Stadtherrn vgl. den Kommentar zu SSRQ-ZH-NF_I_2_1-12-1.
  7. Auch die WinterthurerOrt: Steuerordnung, die 1534 der Gemeinde ElggOrt: mitgeteilt wurde, unterscheidet zwischen «selber stüren oder sich lassen tüncken», wobei die Selbsteinschätzung Steuerpflichtigen vorbehalten war, deren Steuerbetrag mindestens 11 Schilling betrug (SSRQ-ZH-NF_I_2_1-266-1).
  8. Dieser Hinweis bezieht sich auf den Kopialband aus dem 18. Jahrhundert STAW B 1/7, fol. 39r-40v, wie eine spätere Hand mit Bleistift notierte.